Was Musik ist oder Danke, Frau Garbarek!

Mit 33 Jahren noch Saxophonistin werden? Völlig undenkbar.

Kristina Mohr Sopran Saxophon
foto GingerHead Arts

 

2001. Ich saß in einem dieser diversen Berufsorientierungsseminare, weil ich nicht wusste, was mein Herzens-Wunsch war. Selbst beriet ich Menschen, was sie beruflich tun können. Passend, gelle? Mein Ziel: Ihre Augen zum Leuchten bringen!

 

Meine Augen leuchteten beim Saxophon.

 

Aber mit 33 Jahren noch Saxophonistin werden? Völlig undenkbar. Ich hatte das Alt-Sax zwar nach Jahren im Koffer in der Ecke wieder hervorgeholt, aber das wars eben auch. Ein schönes Hobby. Ich bin doch Psychologin!

 

Und plötzlich hörte ich ihn. Jan Garbarek mit seinem Spiel in einer Kirche, zusammen mit gregorianischem Gesang. Wow. Treffer ins Herz. Ich war hin und weg. Elektrisiert. Im Bann. Zu Tränen getroffen. Ich spürte: Das will ich auch.

 

Aber Sopransaxophon?

 

Das Sopran hatte mein Schüler-Lehrer gespielt im Saxophon-Quintett - das konnte ICH bestimmt nicht...

 

Die graue Wolke der Tristesse senkte sich wieder.

 

Beim nächsten Blättchen-Kauf für mein Altsaxophon aber schaute ich mir die Sopransaxophone mal an. Und wieder bei dem nächsten fragte ich mutig, ob ich mal eines ausprobieren könnte.

 

Und siehe da. Es war viel viel einfacher, als ich dachte.

 

So gärte es und gärte es und gärte...

 

Und ich kaufte mir ein 20 Jahre altes neu-überholtes Yanagisawa Elimona 981. Lang gebaut. Wunderschön. (Ein Selmer konnte ich mir nämlich nicht leisten.)

Mein Ton drang in die hintersten Ritzen.

 

Nun die Kirche.

 

In Hamburg waren die Kirchen damals, 2001, kaum geöffnet. Und außerdem - darf ICH da einfach mal spielen?? Das kam mir fast frevlerisch vor. Meine kleine Stimme zu erheben. Ich hatte große Ehrfurcht vor den „heiligen Hallen“ und steckte wieder fest.

 

Eine Freundin, die meinen Traum kannte, hatte schließlich in einer Kirche gefragt. Ich war willkommen. Und wow... die Akustik war unglaublich. Ein Ton.... so unendlich wunderschön mit seinem Nachhall. Revolution!

 

Als ich alsbald nach Schwerte gezogen war, war mein erster Gang in die Kirche: Darf ich hier spielen? Ja!

Und es kamen Melodien zu mir. Im Gespräch mit Gott, dem Himmel oder wer auch immer in diesen alten Gemäuern zu Hause war. Mein Ton drang in die hintersten Ritzen. Erfüllte den Raum – und mich. WOW!

Mein „e“ konnte mich ganz schwindelig machen.

 

Ich spielte und spielte und wenn ich nicht wusste, was ich auf der Welt sollte, ich spielte in der Kirche. Alle 2 Wochen. Und immer öfter in allen Kirchen, die mir über den Weg liefen.

 

Töne, die mir von irgendwoher geschenkt wurden.

Ohne Noten.

 

Ich entdeckte, was MUSIK ist.

 

Ich kapierte endlich, dass Noten nur der begrenzte Versuch ist, Musik in „Worte“ zu fassen. Musik ist viel viel mehr: Gefühl, Hingabe, Herz und Unendlichkeit - Ewigkeit!

 

Ich erfuhr selbst, was mir Jan Garbarek vorgemacht hat. Sein Ton hatte mich damals im Kurs mitten ins Mark getroffen und in eine andere Welt geführt. Für immer meine Sehnsucht entfacht.

 

Und nun rannen meinen ZuhörerInnen die Tränen, wenn sie mich hörten. Oder, wie meine Lieblingspastorin sagte:

"Du berührst mich da ganz tief drinnen."

kristina mohr saxofool im Schatten mit Saxophon
foto GingerHead Arts

 

Oder eine andere: „Deine Musik! Du holst den Himmel auf die Erde:“

Wow... Ich? - Ja, ich.

Nein, das war ich nicht. Ich bin nur der Kanal. ...

 

Ich fand „meinen“ Ton.

 

Und irgendwann, nach einer Lydiamesse in St. Viktor Schwerte, kam die Pianistin zu mir und sagte:

 

„Danke Frau Garbarek!“

 

Da blieb mir der Mund offen stehen.

 

 

Ich hatte es geschafft.

 

In einem Konzert von ihm, meinem Vorbild Jan Garbarek aus Norwegen auf Zollverein in Essen, ließ ich ihm meine CD zukommen mit einem Begleitbrief, er habe mich inspiriert und ich würde gerne mal mit ihm spielen.

Er antwortete nie.

Das ist auch nicht mehr nötig. (oder?, ich würd mich schon riesig freuen ).

 

Als ich zu einem runden Jubiläum, das in einem Kloster gefeiert wurde, meine neueste Komposition "Vögel" spielte, kam die Auftraggeberin hinterher zu mir und fragte mich, ob es von Jan Garbarek gewesen sei... -„Nein, von mir!“ konnte ich grinsend sagen - innerlich zutiefst aufjuchzend.

 

Es hat nicht mal 10 Jahre gedauert, meinen Traum umzusetzen.

Kristina Mohr Sopran Saxophon Altona

 

Nun bin ich wieder zurück in Hamburg - nach 13 Jahren im Ruhrgebiet – und habe schon ein paar Kirchen im Visier, die mich begeistern... Ihr dürft gespannt sein!

 

Lauscht gerne schonmal hier:

 

Mehr als 55 stehen auf der Liste der Kirchen, in denen ich bisher meine lyrischen Kompositionen (aber auch gelegentlich Jazz-Songs) habe erklingen lassen.

 

Danke fürs „Zuhören“!

 

Eure Kristina

 

PS Jahre später spielte ich übrigens mal ein Selmer Sopransaxophon an. Der Sound gefiel mir bei Weitem nicht mehr so gut, wie der Weiche von meinem Yanagisawa! Hehe.  

 


Tipp: Nacht der Kirchen - Alsterschiff mit Saxophon in Hamburg

Samstag, den 14.09.2019- kostenlos!

 

Zwar nicht IN der Kirche, aber ZUR Kirche:

 

Von 19.40 - 21.30 Uhr Saxophonklänge zur Alsterschiffahrt von Kirche zu Kirche - mit Jazz, Pop und lyrischen Träumereien auf dem smoothigen Alt-Saxophon von Kristina Mohr!

 

Ab in den loungigen Sonnenuntergang...

 

EInen Vorgeschmack findet Ihr hier: "relax: jazz & latin".

Mehr zur Nacht der Kirchen: https://ndkh.de/

PS "Sind auch die Fahrten mit den Alsterschiffen kostenlos? Ja, alle Fahrten und Programme der Nacht der Kirchen sind kostenlos. Auch die Fahrten der Alsterschiffe in unserem Programm sowie auch die Im Programm genannten Busse z.B. ab Hauptkirche St. Katharinen oder ab Bergedorf sind kostenlos."

 

Kommt doch mit!

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Kommentare: 3
  • #1

    Annett (Donnerstag, 12 September 2019 09:39)

    Ein sehr berührende und inspirierende Geschichte, Kristina. Ich danke dir dafür. Denn erstens liebe ich Saxophon und zweites verstärkt es das Bewusstsein, es ist nie zu spät seinen Traum zu leben, seine Berufung zu finden und SEIN Leben zu leben!
    Leider kann ich dich nicht live erleben, weil ich auf Mallorca lebe, aber wer weiß...
    alles Liebe für dich und dein Saxophon.
    Do more of what makes you happy �

  • #2

    Jana Höhn (Donnerstag, 12 September 2019 17:58)

    Liebe Kristina, meine Augen bringst du immer wieder zum Leuchten mit deinen Klängen! Einfach großartig, Frau Garbarek! :-)

    Danke für dich und deine Musik und dass du andere Menschen ermutigst, an ihre Träume zu glauben. Herzliche Grüße vom Meer. Jana

  • #3

    Evelyn Kuttig (Donnerstag, 12 September 2019 20:41)

    Liebe Kristina!

    Oh, dieses wunderbare Ereignis muss ich leider versäumen.

    Doch wenn Du weiterhin Kirchen eroberst, könnte es Dich doch auch mal nach Lüneburg in die Johannis-Kirche (z.B. Bach-Konzerte), die Nicolai-Kirche (z.B. Windharfe, Gospel …) oder die Michaelis-Kirche (z.B. Flamenco) verschlagen!?

    Das wäre zu und zu schön!
    Liebe Grüße, Evy